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Schule ist Business |
Das öffentliche Schulsystem
Die Schweiz hat ein hervorragendes Schulsystem. Unseren Schülern wird viel abverlangt. Für eine höhere Bildung sind die Hürden deutlich höher als in unseren Nachbarländern. Aber auch bei uns fühlen sich immer mehr Schüler überfordert. Die Stoffmenge war nie so gross wie heute und die Anforderungen, diese in Prüfungen wiederzugeben, ebenso. Auch der Lehrplan 21 wird dieses Problemfeld nicht beseitigen. Die Schüler werden weiterhin streng beurteilt. Nur die Besten sollen an die Uni und später möglicherweise Führungskräfte werden.Dabei waren die wenigsten unserer Führungskräfte Musterschüler. Wie viele von ihnen haben richtig um ihre Anerkennung kämpfen müssen, wären im heutigen Schulsystem der regelmässigen Kontrolle und Normierung ausgesondert geworden? Die Einsicht, dass hier Persönlichkeiten heranwachsen, konnten sie bei den Lehrkräften, die sie beurteilten, nicht alle zeitgerecht erzeugen. Und wer hat sich seine Chance dann über den zweiten Bildungsweg oder eine Schule im Ausland erarbeitet? Trotz aller Umwege, es können alle Führungskräfte, nicht zuletzt in der Pädagogik, auf ihren Werdegang stolz sein: Denn es zählt das Ergebnis und nicht das, was man am Weg dorthin hinter sich gelassen hat.
Wie schlecht ist unsere Welt?
Warum also reden die Gleichen heute davon, dass man unsere Kinderauf die Härte der Realität unserer Arbeitsweltvorbereiten muss? Dass das Kind lernen muss,
mit Druck umzugehenund
dem Tempo gewachsenzu sein? Wie viele von uns 30- bis 40-jährigen suchen sich heute den Arbeitgeber nicht nach der
Lebensqualitätaus, die einem dort mitunter geboten wird? Nicht mehr Salär und Karriere allein sind entscheidend! Warum werden flache Hierarchien in Unternehmen immer populärer, und der Teamleiter hat als
Coachdie Rolle
Chefersetzt? Warum spricht man in der Arbeitswelt immer häufiger von
Work-Life-Balance, in der Schule dürfen die Kinder davon aber nichts erfahren? Auf welche Zukunft bereiten die Schulen unsere Kinder eigentlich vor?
Wir wissen heute mehr über das
richtige Lernenals noch vor 40 Jahren. Die moderne Gehirnforschung kann genau belegen, dass Lernen unter Druck nicht funktioniert. Das bestätigt, was wir Erwachsenen intuitiv merken: Aus der Schulzeit können wir kaum Wissen abrufen. Und wenn, dann nur deshalb, weil wir eine interessante oder angenehme (z.B. lustige) Situation damit verbinden. Deutsche Lehrer und Studenten kommunizieren ungeschminkt: Sie sagen
Bulimie-Lernenzum Lernen, Wiedergeben und Vergessen.
Interessant ist, dass anerkannte Gehirnforscher, wie z.B. Gerald Hüther, damit nicht nur die Menge des Stoffes meinen, sondern auch Prüfungen und das Geben von Noten generell! Das ist für uns erst einmal erschreckend, die wir mit Prüfungsangst und Notendruck aufwachsen sind. Wer von uns ist nicht froh, die Schule – und wir meinen damit Prüfungen und Benotung –
hinter sich gelassenzu haben? Trotzdem können wir uns nichts Besseres vorstellen. Muss das so sein?
Die Neue Schule
Wie würdeSchuleaussehen, wenn es noch keine gäbe und wir sie völlig neu erschaffen müssten? Sicher nicht so, wie sie heute ist, sagt z.B. der Bestsellerautor Richard David Precht. Denn wir würden uns mit Bildungsexperten und Gehirnforschern zusammensetzen und ein System schaffen, das neue Massstäbe setzt:
- Kinder werden
von innen
(intrinsisch) motiviert zu lernen, nicht durch Notendruck gezwungen. - Selbständiges Lernen in Workshops mit begeisterten Coaches (nicht Prüfern) ermöglicht Begabten, schneller und mehr zu lernen, während Langsamere mit ihrem eigenen Lerntempo zum Ziel kommen.
- Regelmässige Projekte ermöglichen den Schülern, die Zusammenhänge und das Zusammenspiel von Geographie, Geschichte, Physik, Chemie, Deutsch, Ökonomie, Politik, usw. zu verstehen und sich einzuprägen – es gibt keine abgeschotteten
Fächer
mehr. Regelmässige Tagesbesuche von Lernstätten zum angewandten Lernen (z.B. Technorama Winterthur) sind Normalität. - Starke soziale Gemeinschaften und die gelebte gegenseitige Rücksichtnahme, Förderung und Zusammenarbeit lassen unsere Schüler die vielleicht wichtigste Fähigkeit für ihr späteres Berufsleben lernen: Teamfähigkeit.
- Mehrere Lehrer führen meist gemeinsam eine Klasse und den Unterricht, und können damit viel intensiver auf die Stärken und förderungswürdigen Merkmale jedes Schülers eingehen.
- Unsere Kinder gehen täglich mit Euphorie zur Schule und identifizieren sich mit ihr wie mit ihrem liebsten Sportklub: Die Schüler sind stolz aufeinander, sie inspirieren und motivieren sich wechselseitig.
- Die Architektur der Schulen wandelt sich immer mehr in Richtung Campus, mit Nischen, Rückzugsorten, Begegnungsräumen und kommt damit den Bedürfnissen lernender Menschen entgegen.
- Kinder lernen in eigenen
Trainings
sich bewusst zu konzentrieren, sich zu sammeln, zur Ruhe zu kommen, um in der ganz normalen Welt der Reizüberflutung selbst die Grundlagen für erfolgreiches Lernen zu schaffen. - Das individuelle Lerntempo jedes Schülers bewirkt, dass Beurteilungen anders aussehen als heute: Die Beschreibung des Lernfortschritts ersetzt die (ursprünglich militärisch motivierten) Noten; die schwierige Aufgabe der
gerechten Note
(z.B. bei Referaten oder Gedichten) ist für viele Lehrer endlich Vergangenheit. - Die Schule am Nachmittag macht Hausaufgaben überflüssig und auch die Lehrer dürfen nach Schulende endlich
frei
haben.
Lernen! Nicht benotet werden
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Heinrich Pestalozzi (1746 - 1827) |
Die Reformpädagogen Rudolf Steiner und Maria Montessori, übrigens, bliesen in das gleiche Horn: Wissensvermittlung wird als altersgerechte Begleitung des Kindes bis hin zu
Erziehung [...] ist vor allem Selbsterziehungverstanden, und
Hilf mir, es selbst zu tunist das Leitmotiv. Sogar schon Wilhelm von Humboldt stellte die
Bildung(zum Unterschied zur berufsorientierten
Ausbildung) in den Vordergrund, auch wie Pestalozzi mit dem Ziel, es der Gesamtbevölkerung ohne Unterscheidung – nicht nur einer Eliteschicht – zukommen zu lassen. Kein Wort ernsthaft auch nur irgendwo von Noten und Prüfungen!
Pestalozzi war also mehr als nur ein Pädagoge, der die damals übliche physische Gewalt an Schülern ablehnte. Er war damals schon näher an dieser
neuen Schuleals wir heute. Wird es nicht Zeit, wenigstens seine Kernideen vollständig umzusetzen? Was sagen unsere Politiker dazu?
Quellen
- Richard David Precht:
Der Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern
(Buch) - Arthur Brühlmeier, Gerhard Kuhlemann:
Heinrich Pestalozzi, Biographie: Yverdon 1804-1825
- Bildnachweis: Detlef Kaiser (Cartoon), Wikipedia (Pestalozzi)
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